Wir trauern um Hartmut

Dieser Satz hat etwas Unwirkliches, Undenkbares: Hartmut Riechmann ist tot. Völlig überraschend verstarb er am 27. Juli im Alter von nur 49 Jahren. Mit ihm verliert die Mindener Kulturlandschaft eine der engagiertesten, aber definitiv nicht schillerndsten Persönlichkeiten der letzten 30 Jahre. Denn Hartmut Riechmann war jemand, der besonders immer dort mit Rat und vor allem Tat zur Stelle war, wo keine großen Geldsummen zur Verfügung standen, sondern der Glaube an das eigene Vorhaben im Vordergrund stand.

Bereits in jungen Jahren organisierte er mit Anderen im "Café Prütt" Lesungen und Konzerte. Ab Mitte der 80er Jahre bis 1994 betreute er zusammen mit Pity Rolfes ehrenamtlich das Musikprogramm im Kulturzentrum BÜZ. Auch beim von den Jusos organisierten "Kultur an der Weser" war er beteiligt.

Im Anschluss war er gemeinsam mit Kerstin Lente-Frühling im "Weingarten - Das Kulturcafé" nicht nur Gastronom, sondern vor allem Ansprechpartner für Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft. Viele - vor allem junge - Musiker erhielten dort die Gelegenheit, neue Dinge auszuprobieren, abseits jeglichen kommerziellen Erfolgsdrucks. Das Ende des Kulturcafés im Jahr 2002 sollte die Geburtsstunde einer anderen Veranstaltung werden: Dem Weserlieder Open Air. Aus der spontan organisierten Kulturcafé-Abschiedsveranstaltung wuchs ein Festival, das ohne seine pragmatische Vernunft wohl keine Zukunft gehabt hätte.

Kurz darauf kehrte er auch ins BÜZ zurück und fand dort zum zweiten Mal seine kulturelle Heimat. Würde dieser Nachruf an dieser Stelle enden, bekäme er niemals Hartmut Riechmanns Zustimmung. Denn große Worte waren nie sein Ding. Sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen lag ihm fern. Er leistete seinen Beitrag - oft im Verborgenen - und genoss es einfach, wenn alles lief. Während andere den Kopf in die Wolken steckten, blieb er mit beiden Beinen auf dem Boden und sorgte mit einem Schmunzeln dafür, dass auch die wirrsten Ideen umsetzbar wurden. Kultur war für ihn nie etwas Abgehobenes. Er machte keinen Unterschied zwischen großen Namen und Nachwuchskünstlern. Was ihm gefiel, fand seine Zustimmung. Jeder Künstler war für ihn einfach ein Mensch.

Hartmut Riechmann lebte sein Leben auf seine ganz eigene Weise. Alle, die ihn kannten, wussten, dass das eigene Anliegen warten musste, wenn ein Spiel von Arminia Bielefeld oder ein Konzert seiner Lieblingsband "Slade" anstand, "Die Partei" ihn rief und vor allem seine Familie ihren Anteil an seinem Leben forderte. Die stand für ihn über allem. Hartmut Riechmann war kein Freund großer Reden, aber ehrlicher und direkter Worte, die nicht immer wohlwollende Abnehmer fanden. Dabei konnten alle sicher sein: Was Hartmut sagte, meinte er auch. Seine Freunde konnten sich darauf verlassen, dass auch im ersten Moment manchmal unangenehme Worte immer einen ganz besonderen Wert hatten. Eine Freundschaft mit ihm zeichnete sich dadurch aus, dass er vielleicht nicht immer präsent war, aber mit Sicherheit dann, wenn man ihn brauchte. Nie versuchte er, einen zu verändern. Er nahm jeden Menschen so, wie er war.

Mit Hartmut Riechmann geht ein echtes Mindener Unikat. Ein ganz besonderer und in jeder Sekunde authentischer Mensch, den wohl jeder Mindener irgendwann einmal irgendwo gesehen haben wird. Seine Taten, seine prägnanten Worte, seinen ganz speziellen Humor: das alles werden wir in Minden vermissen. (Andreas Schoeneberg)